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Foto: imago Sportfotodienst

Italien-Experte Birkner: „Morata-Kauf nicht sinnvoll“

Highlights

Pünktlich zum Start von Calcio Total und der Rückrunde der Serie A sprechen wir mit Italien-Experte Oliver Birkner. Der Mann, der unter anderem für den Kicker aus dem Land des vierfachen Weltmeisters berichtet, erläutert uns seine Ansichten zu Juventus, dem AC Mailand, Immobiles schwerem Stand in Dortmund und vielem mehr.

Lieber Oliver, bleiben wir doch zunächst einmal in Deutschland. Was sagst Du zum schweren Stand von Ciro Immobile bei Borussia Dortmund? Immerhin war er in Italien Torschützenkönig, nun ist er Bankdrücker und kommt oft nur spät und dann sehr schwer in die Partie.

Oliver Birkner: Ich habe ihn hier in einem anderen Spielsystem gesehen. Pescara in der Serie B war offensiv ausgerichtet, damals ja auch noch mit Lorenzo Insigne und Marco Verratti – davon hat er natürlich profitiert. Immobile sagt ja auch, dass er Zdenek Zeman viel verdankt. Dann kam er zu Torino, wo auch ein ganz anderes Spielsystem als in Dortmund praktiziert wird. Ich glaube nicht mal, dass es an den Ländern liegt. Er hat unter anderen Systemen gespielt, in denen er aufgeblüht ist. Ich glaube, er braucht sehr viel Platz, ist sehr schnell.

Ciro Immobile, Borussia Dortmund

Ciro Immobile hat bei Borussia Dortmund einen schweren Stand (imago)

Bei Toro hat er natürlich auch davon profitiert, dass in jenem Jahr alles perfekt lief. Immobile ist schon ein guter Spieler – ich habe ihn allerdings nie für die Granate gehalten, die aus ihm gemacht wurde. Er ist durchaus überdurchschnittlich, auch technisch, aber für mich kein europäischer Spitzenstürmer. In Dortmund hat er natürlich das Problem, dass es nicht besonders gut läuft. Dem BVB liegt es gerade auch nicht, wenn Mannschaften sich hinten reinstellen. Immobile braucht sehr viel Platz, den hat er gerade nicht.

Dein Buch 111 Gründe, den AC Mailand zu lieben ist eine Liebeserklärung an einen Klub, der in der Form heute nicht mehr existiert. Wie stehst du zur Entwicklung Milans? Wo siehst Du die größten Baustellen? Woran liegt es Deiner Meinung nach, dass die Serie A in Europa mittlerweile einen so schweren Stand hat und von der Bundesliga abgehängt wurde?

Birkner: Also die Party in Mailand ist erstmal vorbei, sowohl bei Milan als auch bei Inter. Man hat lange vergessen, an die Zukunft zu denken und vorausschauend zu planen. Stattdessen hat man sich in den Erfolgen gesonnt, ohne jüngere Spieler zu verpflichten oder sich um den eigenen Nachwuchs zu sorgen. Nun fehlt auch das Geld. Es ist auch symptomatisch für Inter: Es handelt sich wohl um den einzigen Klub, der aus dem Champions-League-Erfolg nichts gemacht hat.

Die besten Udinese-Deals der letzten 20 Jahre

Es ist eigentlich unfassbar, 2010 die Champions League zu gewinnen und immer weiter in Schulden zu verfallen. Sie haben viel Geld ausgegeben, das eigentlich nicht da war. Damit müssen sie jetzt erstmal auskommen. Jetzt müssen sie aufbauen, was sehr viel früher hätte aufgebaut werden müssen.

Das neue Stadion ist ja schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, soll 2020 bereits fertiggestellt werden. Wirst Du das alte San Siro vermissen?

Birkner: Jeder, der schon mal im San Siro war, will wahrscheinlich jede Woche wieder dort hin zurück. Für mich ist es eines der geilsten Stadien der Welt. Natürlich ist es im modernen Fußball wahrscheinlich rentabler, sich ein neues Stadion zu bauen und das modern auszurichten. Das ist wohl leider der moderne Lauf der Dinge. Juventus hat sich da ja bereits europäisch ausgerichtet und trägt jetzt auch die Früchte. Für mich wäre es aber traurig, nicht mehr zu einem Ligaspiel ins San Siro zu gehen.

Und wer ist momentan Dein größter Hoffnungsträger bei den Rossoneri?

Birkner: Bei so einem Druck haben es Spieler wie Stephan El Shaarawy und Mattia De Sciglio nicht einfach. Ich halte beide für gute Spieler, aber von ihnen wird gerade mehr erwartet, als die Mannschaft gerade leisten kann – und das jede Woche. Ein anderes Beispiel ist Mateo Kovacic. Alle erwarten von Inter so viel, aber unter so einer Last bricht so ein Spieler natürlich auseinander.

Stephan El Shaarawy, Milan

Stephan El Shaarawy, Milan (imago)

Da verwischt die Grenze zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Natürlich will jeder in Mailand Champions League sehen, aber da fehlt in Italien oft auch die Geduld. In Deutschland wurde 2000 ein Schnitt gemacht, hier in Italien ist er noch ausgeblieben. Mittlerweile gibt es hier selbst bei kleineren Klubs kaum mehr Geduld – die Presse, lokale Sender, drei tägliche Sportsender, sie haben da auch ihren Anteil.

Was meinst Du, was man da machen kann, damit etwas mehr Geduld einkehrt oder sich die Klubs nicht mehr so von der Presse beeinflussen lassen?

Birkner: Der Zug ist wohl schon abgefahren. Das Internet, 20 Radiosender, die täglich fast nur über Fußball berichten – das kann man sich in Deutschland gar nicht vorstellen, das ist eigentlich Wahnsinn.

Mit gutem Beispiel voran gehen derzeit einzig Juventus und mit Abstrichen der AS Rom. Deine Einschätzung zur Alten Dame?

Birkner: Juventus hat natürlich mal wieder die Vorreiterrolle übernommen – sowohl wirtschaftlich als auch organisatorisch und touristisch. Nach Calciopoli hat der Klub auch viele Fehlinvestitionen in Spieler getätigt, aber er hat sich wirtschaftlich auch sehr schnell wieder erholt. Sie sind natürlich immer noch nicht auf europäischem Spitzenniveau, aber das wissen sie auch selbst. 2015 wollen sie aber wieder bei den großen mitbieten, wenn die neuen Sponsoren- und TV-Gelder reinkommen.

Alvaro Morata GFX, Juventus

Hat Juventus 20 Millionen Euro gekostet: Alvaro Morata (imago)

Wenn man einen Kritikpunkt bei Juventus finden möchte: Für so viel Geld einen Alvaro Morata zu verpflichten, anstatt Manolo Gabbiadini, Simone Zaza oder Immobile zu holen, war nicht sinnvoll. Es gibt schon junge, interessante Spieler in Italien, nur haben viele große Klubs nicht den Mut, sie einzusetzen oder zu verpflichten. Ich glaube nicht, dass Gabbiadini oder Zaza schlechtere Leistung gebracht hätten als Morata. Gabbiadini geht jetzt zu Napoli, aber da hat er natürlich auch Higuain und Callejon vor sich.

Mittlerweile darfst Du in Florenz sogar Mario Gomez spielen sehen, nachdem das in 2013/2014 ja ein seltenes Vergnügen war. Wie macht er sich nun aus Deinem Blickwinkel?

Birkner: Seitdem er hier ist, lief es für ihn sportlich tragisch. Er war ja selbst ungeduldig, nachdem er hier toll empfangen wurde. Trotz der Verletzung eine solche Unterstützung, das war schon toll. Wenn du so lange verletzt bist, brauchst du natürlich lange, um den Rhythmus zu finden.

Die Laufwege müssen abgestimmt werden, die Fitness – Gomez ist natürlich auch jemand, der viel über Power kommt. Wenn er aber verletzungsfrei in die Saison kommt, ist er weiter ein Stürmer, der für mindestens 15 Tore gut ist.

In Deinem Buch Eines Tages im Mai erzählst Du die Geschichte des SSC Neapel. Was faszinierte Dich so sehr an den Partenopei, dass Du ein Buch über sie schreiben wolltest? Wie kam es dazu?

Birkner: Mich hat Napoli zum ersten Mal fasziniert, als ich Anfang der 1990er in der Stadt war. Das ist wirklich ein anderer Planet – man mag sie oder man mag sie nicht, das ist vielleicht ein bisschen wie bei Bob Dylan. Neapel schreibt für mich auch eine der mitreißendsten Geschichten im Calcio. Es gibt so viele bizarre, herzerwärmende und tragische Stories. Es ist fast unbeschreiblich, wie man dort Freunde fürs Leben gewinnt. Das spiegelt sich auch im Fußball wieder.

Man merkt, dass die Stadt von Italien und vom Norden mit Füßen getreten wird. Man merkt auch, wie wichtig deshalb der Fußball ist. Ich kann jedem nur empfehlen, einmal ins San Paolo zu gehen. Was in Napoli an Euphorie und Enthusiasmus herrscht, ist unglaublich. Es ist kein schönes Stadion und es ist schwer zu erreichen, aber wenn man einmal da ist, wird man wirklich belohnt. Wer ein Fußballherz hat, sollte das mal mitgemacht haben.

Was meinst Du: Wie lange brauchen die Italiener, Liga wie Nationalmannschaft, um sich langfristig wieder an Deutschland und Spanien heranzukämpfen? Geschieht das in absehbarer Zeit?

Birkner: In naher Zukunft wird es sehr schwierig. Vielleicht reißen sie sich jetzt mal in der Europa League zusammen und holen da ihre Punkte. Was sich ein Mittelklasse Verein in England an Transfersummen leisten kann, da hat ja fast schon Juventus Probleme, mitzuhalten. Ich sehe die Serie A aber nicht so schlecht wie sie in Europa derzeit gemacht wird. Man denkt natürlich immer nur an Barcelona, Real und Bayern – auf dem Niveau sind sie nicht. In der Breite stehen sie aber nicht so viel schlechter da als die anderen drei Ligen. Es fehlt ein bisschen Modernisierung hinsichtlich der Stadien und der Infrastruktur: Im Grunde fängt Italien jetzt erst mit den Maßnahmen an, die andere Ligen bereits vor fünf, sechs oder sieben Jahren vorgenommen haben. Die Serie A ist eine Art Nachzügler.

Die Nationalmannschaft ist jetzt zweimal hintereinander in der WM-Gruppenphase ausgeschieden, aber es kommen schon viele Talente nach, die auch in großen Klubs spielen. Ich sehe das jetzt nicht so dramatisch wie die Italiener selbst. Die Italiener verfallen eben sehr schnell in Euphorie und Verzweiflung. Antonio Conte ist meiner Meinung nach auch der richtige Mann. Ich denke, dass auch weiter keiner der Favoriten gerne gegen Italien spielen wird.

Vielen Dank, Oliver!

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