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Foto: imago Sportfotodienst

Milans Suche nach sich selbst

Highlights

In nur wenigen Jahren hat sich der AC Mailand vom Final-Aspiranten der Champions League zu einem Mittelklasse-Verein der Serie A entwickelt. Wie konnte es so weit kommen und wie verläuft der Selbstfindungsprozess des italienischen Traditionsklubs?

„Früher, früher war alles besser“ – einen Satz, den man vor allem in Mailand, Ex-Hauptstadt des italienischen Fußballs, jüngst nur all zu oft hört. Sowohl die Rossoneri als auch die Nerazzurri haben derzeit mit den Leistungen ihrer Mannschaft zu kämpfen.

Mögliche Trainerwechsel stehen an der Tagesordnung, die Leistung der Spieler wird Woche für Woche kritisiert. 2003 standen die beiden Mailänder Klubs noch gemeinsam im Halbfinale der UEFA Champions League – heute schauen sie die Königsklasse nur noch im TV. Früher, früher war alles besser …

Verflogene Noblesse

In unserem Interview mit Italien-Experte Oliver Birkner sprachen wir bereits den AC Mailand und den ganz besonderen Flair, der lange von dem Klub ausging. In seinem Buch beschreibt er die Rossoneri wie folgt:

[…]Cesare Maldini, Gianni Rivera, Franco Baresi und Paolo Maldini. Sie navigierten Spieler mit der Kunst des beseelenden Calcio, des Fußballs: das niederländische Triumvirat, Kaka, Ancelotti, Donadoni, Savicevic, Boban, Weah, Shevchenko, Seedorf, Nesta, Pirlo – in der Hall of Fame wird es bedenklich eng. Es gab einen Baron, zwei Kaiser, einen König, wirklich nobel. […]

Oliver Birkner, „111 Gründe, den AC Mailand zu lieben“

Doch von Noblesse hat der AC Mailand nichts mehr, wie auch Oliver Birkner in seinem Werk feststellt.

Altlasten und misslungene Investitionen sind mit die Hauptgründe für den tiefen Fall der Rossoneri. Sportdirektor Adriano Galliani sorgte lange sehr gut für den Klub und holte Spieler wie Clarence Seedorf, Andrij Shevchenko oder Kaka nach Mailand, die dem Verein einen ganz besonderen Glanz verliehen.

Galliani gab seine Juwele nur ungern her und so geschah es, dass Milan teure Altlasten lange mit sich herumschleppte. Spieler wie Gennaro Gattuso oder Clarence Seedorf ließen sich so lange nur möglich von der „Familie“ aushalten. Hierbei gingen der Vereinsführung Millionen verloren, die auf dem Transfermarkt oder beim Bau eines neuen Stadions gut aufgehoben gewesen wären. Adriano Galliani kaufte außerdem nicht mehr so gewitzt ein wie früher und schmiss das Geld für Spieler wie Klaas-Jan Huntelaar, der erst auf Schalke aufblühte, oder Robinho raus, der in Mailand nie Fuß fasste.

Vorbei die alten Zeiten

Heute haben die großen Namen im San Siro ausgedient. Filippo Inzaghi ist vielleicht der letzte verbliebene, allerdings hat er sich nur als Stürmer viel Ruhm verdient – als Trainer hinkt er den Erwartungen der Fans und Verantwortlichen noch hinterher.

Zumindest die Umstrukturierung von alt nach jung ist den Rossoneri im Ansatz gelungen. Die Hoffnungen der Fans liegen nicht mehr auf gealterten Stars, sondern auf Youngstern. Angefangen mit Mattia Del Sciglio in der Defensive, über Riccardo Saponara im Mittelfeld bis hin zu Stephan El Shaarawy und M’Baye Niang in der Offensive.

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Das Juwel heißt Hachim Mastour und ist gerademal 16 Jahre jung. Der Italo-Marokkaner trainiert bereits seit geraumer Zeit mit der ersten Mannschaft und hat sein Talent mehrfach unter Beweis gestellt. Sein Debüt in der Serie A steht noch aus, doch weit weg ist es nicht mehr. Milan braucht wieder frischen Wind aus den eigenen Reihen.

Eingerostete Defensive, mauer Angriff

Frischen Wind kann derzeit auch die gesamte erste Mannschaft der Rossoneri gebrauchen. In der Defensive hapert es derzeit sogar bei Standards, obwohl ein Trainer für eben diese Disziplin eingestellt wurde – zuletzt gesehen bei der 0:1-Niederlage gegen Genoa.

In der Offensive lassen alle Hoffnungsträger nur allzu selten ihr Können, ihr Talent aufblitzen. Es sind Momente, nach denen sich die Fans sehnen, die sie aber nur spärlich serviert bekommen, und dann nichtmal auf dem Tablett: Denn das San Siro ist mittlerweile in die Jahre gekommen.

Bis 2020 ein neues Zuhause?

„Bis 2020 soll das Stadion fertiggestellt sein. Das ist mein Traum für die Milan-Fans“, erklärte Geschäftsführerin Barbara Berlusoconi kürzlich auf einem Sponsorenmeeting. Dann könnte man einen ähnlichen Weg einschlagen, wie Juventus derzeit. Seit dem Zwangsabstieg schreibt der italienische Rekordmeister eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Einzig international läuft es bei den Turinern noch nicht immer nach Maß – aber auch die Hürde scheinen sie entschlossen nehmen zu wollen.

Das neue San Siro könnte ein wahres Prunkstück in der italienischen Stadienlandschaft werden und so Fans aus der ganzen Welt anziehen – vor allem aber soll es den Mailändern ein neues Zuhause bieten; eines, das man gerne besucht. Es soll auch den in den Keller gefallenen Zuschauerschnitt wieder anheben und die Stadt für internationale Wettbewerbe attraktiv machen.

Heute vor 115 Jahren, am 18. Dezember 1899 verkündete die Gazzetta dello Sport die Gründung des Mailänder Klubs. Calcio Total hofft in diesem Sinne auf eine baldige Wiederauferstehung – damit die Rossoneri in Italien wieder ein Wörtchen mitzureden haben …

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